Für wen wir da sind :

Hamze ist elf und arbeitet im Basar von Bursa als Laufbursche – und Dolmetscher. Nach vier Jahren in  der Türkei spricht er fließend Türkisch. Er ist mit seiner Mutter und seinen kleinen Geschwistern aus Syrien geflüchtet, als er sechs war. Vor seiner Flucht ist er ein paar Monate in Aleppo zu Schule gegangen. Aber danach hat er nie wieder eine Schule von innen gesehen. Dabei möchte er so gern lernen und seine Augen sprühen vor Intelligenz. Aber er kann nicht lesen und schreiben – weder Arabisch noch Türkisch. Lange Zeit konnte er in der Türkei nicht zur Schule gehen, weil die Umstände es nicht zuließen. Jetzt ist es zu spät, um noch eine normale Schule zu besuchen: In die fünfte Klasse – die seinem Alter entsprechen würde  kann er nicht gehen, weil er nicht lesen kann. In die erste Klasse kann er nicht gehen, weil er zu  alt ist.

 

Hiba ist 14. Sie lebt mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon. Die Eltern arbeiten als Gelegenheitsarbeiter, um die Miete für die Ein-Zimmer-Wohnung zahlen zu können. Hiba und ihre Geschwister verkaufen Taschentücher, Kugelschreiber und Süßigkeiten auf der Straße, um zum Lebensunteralt beizutragen – eigentlich ist es fast mehr Betteln als Arbeiten. Die nächste Schule wäre gleich um die Ecke, aber Hiba hat keine Hoffnung, sie jemals besuchen zu dürfen. In Syrien war sie eine gute Schülerin, aber die Schulsysteme unterscheiden sich zu sehr. Im Libanon werden naturwissenschaftliche Fächer ab der fünften Klasse auf Englisch unterrichtet. Dafür reicht Hibas Englisch bei weitem nicht – und je länger sie aus der Schule ist, desto größer wird der Unterschied. Als sie noch in Damaskus zur Schule ging, wollte Hiba Ärztin werden. Jetzt fürchtet sie den Tag, an dem ihre Eltern ihr eine Heirat vorschlagen, um sie versorgt zu sehen.

 

Ahmad lebt mit seiner Mutter und seinen fünf Geschwistern in einem Zelt in der Provinz Idlib. Er ist bis zur achten Klasse zur Schule gegangen. Das war 2013 in Homs. Da träumte er von einer Zukunft als Ingenieur. Dann musste seine Familie fliehen. An Schule war danach nicht mehr zu denken. Sein Vater ist bei den Kämpfen verschollen. Mit Gelegenheitsjobs versucht Ahmad, so gut wie es eben geht, zum Familieneinkommen beizutragen. Ohne Hilfslieferungen könnte die Familie ohnehin nicht überleben. Seine Mutter hat Angst, dass Ahmad sich einer bewaffneten Gruppe anschließen könnte, um Geld zu verdienen. „Ahmad braucht eine Perspektive.“, sagt seine Mutter, „Bildung…, die Hoffnung, dass es irgendwie weitergeht… Aber die hat er hier nicht.“